Seminar 2010

„Nationale Identität – Wer sind wir ?“

Vom 23.–25. April 2010

Programm

Überblick Worldcafé

Plan “Découverte du Paris mondial”

Teilnehmer des Seminars „Nationale Identität – Wer sind wir?“, vom 23.-25.04.2010 in Paris

Zusammenfassung

Ein jährliches sdw-Seminar im frühlingshaften Paris gehört mittlerweile zum festen Bestandteil des sdw Veranstaltungskalenders. Vom 23.-25. April 2010, nunmehr zum fünften Mal, luden die Stipendiaten der Pariser Gruppe (mit freundlicher Unterstützung der Commerzbank Paris und des sdw Alumni Vereins) 17 Stipendiaten und Alumni an die Seine ein.

Standen in den vergangenen Jahren oftmals die “Deutsch-Französischen Beziehungen” im Vordergrund der Veranstaltung betraten die Stipendiaten in diesem Jahr thematisches Neuland. So war mit dem Thema „Nationale Identität“ ein in Frankreich höchst aktuelles und äußerst heißes Eisen angefasst worden.

Schnell wurde deutlich wie heterogen der Nationenbegriff geschichtlich immer war und auch in der heutigen Debatte weiterhin ist. So werden je nach Überzeugung und politischer Couleur unterschiedliche Elemente hervorgehoben, seien es nun ethnische, religiöse oder kulturelle.
Diese Heterogenität des Themas wurde auch durch die biographischen Hintergründe der eingeladenen Gastredner unterstrichen. Hier war alles vertreten – vom Historiker, dem Cambridge-studierten smarten Science Po Professor und dem schwäbischen Pfarrer bis zum US General a.D. und dem europaerfahrenen, deutschen Karrierediplomaten. Jeder Redner brachte andere Elemente in die Diskussion ein, sei es nun die Rolle der Religion für die Nationale Identität oder die notwendigen Vorrausetzungen für eine “europäische Identität”.

Doch es ging nicht nur darum über die Vielschichtigkeit der (französischen) nationalen Identität zu theorisieren, nein, sie sollte von den Teilnehmern auch praktisch “erfahren” werden. In kulturellen Spaziergängen bei schönstem Sonneschein durch afrikanische, indische, magrebinische und chinesische Viertel der Hauptstadt zeigte sich dann auch, dass “die” französische Identität in der Realität durch viele Sub-Identitäten geprägt wird, welche jedoch durch die Trias “liberté, egalité, fraternité” zusammengehalten werden.

Hintergrund

Das Thema « Nationale Identität » war in Frankreich zur Zeit des Seminars ein sehr aktuelles politisches Thema. In der Zeit vom November 2009 bis Februar 2010 wurde in Frankreich eine von der französischen Regierung initiierte öffentliche Debatte über die nationale Identität Frankreichs geführt. Mit dieser Debatte wollte man bezwecken, dem allgemein wahrgenommenen nationalen Identitätsverlust, der auf die zunehmende Migration und Globalisierung zurückzuführen ist, entgegenzuwirken. Aufgrund der sich häufenden Ereignisse in der Vergangenheit, welche eine mangelnde Identifikation der Bevölkerung – insbesondere der Einwanderer – mit ihrem Heimat- bzw. Gastland Frankreich bekundeten, sah man sich zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema gezwungen.

Die folgenden Ereignisse gingen der in dem Seminar beleuchteten Identitätsdebatte voraus: Die Nationalhymnen-Skandale in den Jahren 2001, 2007 und 2008, bei denen während der Fußballspiele Frankreichs gegen Algerien, Marokko und Tunesien im Frankreich-Stadion in Paris die französische Nationalhymne von der Mehrheit des Stadions ausgepfiffen wurde, Fans auf das Fußballfeld strömten und zuschauende Minister der Regierung körperlich angegriffen wurden. Die pfeiffenden Fans waren mehrheitlich eingebürgerte Maghrebiner, die, in den Augen der Regierung, mit ihrem Verhalten ihr Verachten gegenüber dem französischen Staat und dessen Identifikationssymbolen zum Ausdruck brachten. Weitere markante Ereignisse sind die Konflikte während der nationalen Kopftuchdebatte in den Jahren 2003-2004, die durch den Beschluss über das Kopftuchvebot in Schulen im Jahr 2004 in Widerstände seitens der muslimischen Bevölkerung ausarteten, sowie der internationale Streit um die Mohammed-Karikaturen im Jahr 2005. Der Ausdruck der Respektlosigkeit der zugewanderten Bevölkerung gegenüber dem französischen Staat fand schließlich seinen Höhepunkt in den gewalttätigen Unruhen in den französischen Vorstädten im November 2005, bei denen tausende von Autos in Brand gesetzt und Polizisten angegriffen wurden. Die Gesamtheit dieser Ereignisse führten zu einem drastischen Anstieg der Ausländerfeindlichkeit in Frankreich – eine Umfrage des Zentrums für politische Studien „CEVIPOV“ der Hochschule Science Po ergab, dass 70% der französischen Bevölkerung im Jahr 2006 der Meinung waren, es lebten zu viele Ausländer in Frankreich – ein historischer Höchststand. In der Präsidentschaftwahlkampagne 2007 nutzte Nicolas Sarkozy gerade diese Stimmung der Bevölkerung aus; er versprach eine radikale Sicherheitspolitik und eine intensive Auseinandersetzung mit der Ausländerproblematik und konnte somit die Mehrheit der Wähler für sich gewinnen.  Er rief nach Amtsantritt ein eigenständiges Ministerium für Immigration, Integration und nationale Identität ins Leben und leitete schließlich zusammen mit dessen Minister, Eric Besson, die zurückliegende Debatte über die nationale Identität.

Weiterführende Literatur

Artikel aus DIE ZEIT, 19.01.09, Was ist eine Nation?
Artikel von DIEPRESSE.COM, 09.05.09, Soziologen: Nationale Identität bleibt wichtig
Artikel aus DIE ZEIT, 05.11.09, Es lebe Frankreich! Aber welches?
Artikel aus DIE ZEIT, 14.01.10, Minister fürs Französischsein
Artikel von EUROS DU VILLAGE, 15.03.2010, Nationale Identität – Eine rein französische Debatte?
Buch von FERNAND BRAUDEL, 1999, L’identité de la France
Buch von BASSAM TIBI, 1999, Europa ohne Identität? Leitkultur oder Wertebeliebigkeit

Bilder vom Seminar 2010

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